(Liebes)-Brief eines Urhebers an den Leser

Lieber Leser

wir müssen reden. Dringend. Denn so langsam sehe ich unser wunderbares Verhältnis nachhaltig gestört. Ich darf über Dich schreiben, höre Dir zu, bringe Deine wunderbaren Taten tagtäglich in die Zeitung, und Du liest sie am nächsten Morgen online auf Deinem Tablet oder beim Frühstück klassisch in der Zeitung. Manchmal schreibst Du mir auch, was nicht so gut war, was Dir gefiel, was Dich ärgerte. Bis dahin ist unser Verhältnis ein ganz wundervolles, voller Zuneigung. Ich schätze Dich, wie Du mich. In guten wie in schlechten Ausgaben.

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Auf der Sinnsuche im Journalismus zum Tag der Pressefreiheit

Der Tag der Pressefreiheit bewies in der Kleinen Synagoge in Erfurt einmal mehr, im Journalismus wieder mehr Haltung einzunehmen. Der DJV Thüringen lud zusammen mit der Friedrich-Ebert-Stimmung ein.

Die Podiumsrunde mit TLZ-Chefredakteur Nils R. Kachwig, dem DJV-Vorsitzenden Frank Überall, dem Direktor des MDR Landesfunkhauses Thüringen, Boris Lochthofen, und Georg Ruhrmann vom Institut für Kommunikationswissenschaften der Friedrich-Schiller-Universität Jena tauschte sich zum Thema „Emotion vor Fakten? Journalismus zwischen Populismus, Selbstanspruch und öffentlichem Auftrag“ aus. Die freie Journalistin Blanka Weber moderierte die Runde.

Dass Deutschland in der aktuellen Rangliste der Reporter ohne Grenzen in Bezug auf die Pressefreiheit von Platz 12 auf Platz 16 abgerutscht ist, macht Sorgen. Doch aus den Gründen lässt sich erkennen, was Journalisten dagegen tun können. Klar war allen, ist die Pressefreiheit in Gefahr, ist es auch die Demokratie, denn nur Pressevielfalt und ihre Wahrung sichern Meinungsfreiheit.

Der sprunghafte Anstieg von Angriffen, Beleidigungen und Drohungen

… gegenüber Journalisten haben auch Kollegen im mitteldeutschen Raum, vor allem aber in Sachsen zu spüren bekommen. Auf Kundgebungen der AfD in Erfurt gehen viele Reporter zum Beispiel nur noch mit Personenschutz. Wie aber lässt sich da objektiv, vorurteilsfrei und ohne Furcht im Rahmen der Pressefreiheit berichten? Wohl kaum. Warum ist der Populismus so viel stärker geworden als die freie Presse? Wo bleibt die gesunde Skepsis gegenüber den Parolen jeglicher Politik? Frank Überall fand in seinem Eingangsvortrag dazu passende Worte. Populismus gibt einfache Antworten auf schwierige Fragen. Er gibt sich volksnah, dramatisiert, um die Gunst der Massen zu gewinnen, und wird von einer demagogischen Politik gefüttert. Er soll einzig und allein Aufmerksamkeit generieren.

Der Journalist darf sich nicht auf das Niveau des Populisten herablassen, tut es aber allzu oft. Letzterer ist Medienstrategie. Werfen Populisten mit ihren Skandälchen und verbalen Überschreitungen Stöckchen aus, springen noch immer zu viele Journalisten darüber. Zu schnell verbreiten sie solche Entgleisungen, analysieren sie, mehren sie in Kommentierungen und säen so das Gedankengut, das unserer Demokratie so entgegensteht. Populisten provozieren bewusst und nutzen uns Journalisten als Multiplikatoren. Pressefreiheit aber verlangt eine kritische Haltung.

Natürlich darf die Presse die Populisten dieser Zeit nicht ignorieren. Erst Recht nicht, wenn sie ganze Staaten regieren oder nach der Macht streben. Die komplexen Themen, die der Populist runterbricht auf ein einfaches Weltbild, muss der Journalist aufgreifen, analysieren und kritisch reflektieren. Er muss das Spiel und die Strategie des Populisten entlarven und bloß stellen, ohne dem Rezipienten das Urteil vorweg zu nehmen. Dabei muss er aber auch transparent in seinen Arbeitsweisen sein, Außenstehenden sein Handwerk sichtbar machen. Er darf sich nicht mehr erheben über seine Nutzer, muss seinen Beruf erklären. Mathias Döpfner, Zeitungsverleger-Präsident, fordert für die Pressefreiheit deswegen „selbstbewusste und bodenständige Journalisten, die sich nicht besser als andere fühlen und ihren Job mit Lust und Leidenschaft betreiben“.

Zusammenlegung von Redaktionen, Einsparungen und Entlassungen

… stehen dieser Forderung aber entgegen. Sie führen laut Reporter ohne Grenzen ebenso zu einer Gefährdung der Pressefreiheit, weil sie den Journalisten eben die sichere und dringende Arbeitsgrundlage nehmen. Lust und Leidenschaft kann nur der im Beruf entwickeln, der sich gewertschätzt fühlt. Wer aber nicht angemessen bezahlt wird, keine ordentliche Vergütung erhält und die Arbeit von drei Kollegen übernehmen muss, weil es an Personal fehlt, der kann seinen Beruf nicht selbstverständlich ausführen. Zentralredaktionen, wie sie auch die MGT in Thüringen nutzt, führen zu Einheitsmeinungen in der Pressevielfalt, die es dem Rezipienten nicht mehr erlauben, sich umfassend zu informieren. Liest, hört und sieht er überall das gleiche, verdächtigt er den professionellen Journalismus, gesteuert, manipulierend und lückenhaft zu sein. Der Zugang zum weltweiten Web erschließt ihm doch andere Informationsquellen.

Gut ausgebildete Journalisten können diese als Fake News entlarven. Wie aber soll das einem Nutzer gelingen, der es nicht gelernt hat. Dem Lügenpresse-Vorwurf ist nur beizukommen, indem sich der Journalismus endlich transparent zeigt, sich auf eine Ebene mit den Nutzern stellt, sie abholt, wo sie sich informieren, und ihnen hilft, sich umfassend ein Bild zu machen. Der Journalist muss wieder mehr zuhören, kritischer werden und in seiner Themensetzung den Nutzer mehr einbeziehen. Natürlich erfordert auch dies die Rückendeckung des Staates und der Verleger.

Ermittlungen der Bundesanwaltschaft und das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung

erschweren die Arbeit von Journalisten zunehmend. Sie gefährden seine Quellen und stellen ihn unter Generalverdacht. Für den DJV bedeutet es, noch stärker Lobbyarbeit zu betreiben, sich in Gesetzesentwürfe einzumischen und seinen Berufsstand zu schützen. Decken Journalisten dank Whistleblower und weltweiter Kooperationen illegale Machenschaften auf, so ist dies kein Landesverrat, sondern ihre Arbeit. Kritisieren sie öffentlich Despoten und weisen auf die Einschränkung demokratischer Grundwerte hin, so dürfen sie nicht behindert werden und gehören nicht ins Visier von Ermittlungen oder gar ins Gefängnis, sondern sollten Schutz und Unterstützung erfahren. Frank Überall zitierte an dieser Stelle George Orwell: „Journalismus heißt, etwas zu drucken, von dem jemand will, dass es nicht gedruckt wird“. Das muss wieder breiter Konsens werden in der Gesellschaft und Politik.

Die Podiumsdiskussion spiegelte viele dieser Aspekte wider. Sie zeigte, wie neue Technologien Journalisten dabei unterstützen können, welchen Beeinflussungen er unterliegt, wie die eigene Filterblase geweitet und reflektiert werden kann. Sie brachte Ansätze, wie die bürgerliche Gesellschaft wieder mehr mit sich selbst ins Gespräch gebracht werden kann, damit sie lernen kann. Sie machte aber auch deutlich, wo noch viel Arbeit auf Journalisten wartet, etwa bei der Attraktivität von Arbeitsplätzen, bei Lösungen für veränderte Medienströme und Reaktionen auf neue Entwicklungen.

Wir als DJV Thüringen freuen uns auf diese Herausforderungen.