Treffpunkt Internet

Braucht Deutschland eine neue Medienordnung?

Sie haben Onlineangebote und sind in den sozialen Medien präsent: Tageszeitungen, Zeitschriften, Hörfunk, Fernsehen. Der Haken daran ist die Konkurrenz von privatwirtschaftlichen und öffentlich-rechtlich finanzierten Modellen. Doch alle beschränken sich nicht auf den einen Verbreitungsweg. Tageszeitungen werden begleitet von Onlineangeboten oder Portalen, die Videosequenzen enthalten. Zeitschriften halten es nicht anders, bieten häufig, siehe Fachzeitschriften, zusätzlichen Service wie z. B. Newsletter und Fachkongresse an. Die privaten Hörfunksender beschränken sich auf ihren Webseiten längst nicht auf die Bekanntgabe der Playlist. Auch hier gibt es Fotostrecken und Videos. Die öffentlich-rechtlichen Sender bieten in ihren Onlineauftritten Bilder (bewegt oder als Foto), Töne und Texte. Die Mediensparten wachsen zusammen. Das nennt man Konvergenz.

Dem Nutzer ist das weitgehend egal. Er sucht sich die Informationen, das können auch journalistische Inhalte sein, die er seiner Ansicht nach braucht. Das passiert altersabhängig unterschiedlich und reicht von Google über Facebook und Instagram bis zu YouTube und Blogs. Den weltweit agierenden Playern stehen die mit sinkenden Auflagen, Hörer- und Zuschauerzahlen kämpfenden deutschen Medienunternehmen ohnmächtig, hilflos und konzeptlos gegenüber. Die Konsequenz daraus ist der Kampf um die Absicherung des eigenen Geschäftsmodells, das entweder erodiert (Verlage) oder in seiner Existenz bedroht ist (öffentlich-rechtlicher Rundfunk).

Da stuft BDZV-Lautsprecher Döpfner im Gleichklang mit dem Spiegel die öffentlich-rechtlich organisierten Rundfunkanstalten als Staatsfunk ein, der durch Zwangsgebühren finanziert wird. Wer so argumentiert, will nichts anderes, als die Abschaffung der Sender. Die Tagesschau-App versetze, weil presseähnlich, den Verlagen den Todesstoß. Als ob Döpfner und seine Mitstreiter in den Chefetagen irgendein funktionierendes Geschäftsmodell für die Onlinevermarktung der journalistischen Inhalte hätten. Kann man Döpfner eigentlich angesichts seines erlösträchtigen Engagements im Digitalmarkt eine entspanntere Betrachtungsweise nur wünschen, haben seine Kollegen im Verlagsmanagement ganz andere Sorgen. Mit der ständigen Anpassung der Kosten an die Einnahmen werden zwar Synergien im redaktionellen Bereich geschaffen, aber auch eine flächendeckende einheitlich Berichterstattung ermöglicht, vor der Medienforscher Horst Röper zu recht warnt.

(Fortsetzung folgt)

Darum muss es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk geben

„Woher seid ihr? Aus Leipzig?“ Unser Interviewpartner sieht uns aufmerksam an („so sehen also Leute aus Leipzig aus“). Aber dann sind wir doch aus Thüringen, was man auch an der Sprache hört. Wir wohnen sogar im gleichen Landkreis. Typisch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Wir zerstreuen auch schnell ein gewisses Misstrauen: dass wir nur wegen der paar Kabel in das Dorf gekommen sind. Wir sind nicht einem großen Skandal auf der Spur, sondern wir berichten ganz normal über das, was für die Anwohner wichtig ist – auch wenn es nur 1:30 Minuten sind. „Für einen so kurzen Beitrag seid ihr aber lange unterwegs.“ „Ja, das sind wir gewohnt.“

Es gibt natürlich auch Begegnungen mit Zuschauern und Hörern, die sehr routinierte Nachrichtenkonsumenten sind. Die sehen die Kamera im Wald und referieren sofort alle Wald-Themen der letzten Wochen, wobei ich sie zart darauf hinweise, dass ich natürlich ein neues Wald-Thema umsetze: eines, von dem sie noch nicht gehört haben. Andere bekommen dagegen nichts mit von dem, was elektronische Medien senden und Zeitungen schreiben. Sie sind umso empörter – zum Beispiel darüber, dass ein Regionalzug ausfällt. Man könnte sagen: das stand schon x-mal in der Zeitung. Im Fernsehen und Hörfunk wurde über den Beginn der Bauarbeiten informiert und darüber, dass dadurch die Züge danach wesentlich schneller fahren werden. Die Frau am Bahnsteig hat jetzt nichts davon: „Ich lese keine Zeitung.“ Was können wir machen, damit sie sich das nächste Mal informiert, bevor sie anfängt zu schimpfen? Fakten über Baustellen und geänderte Fahrpläne könnten immer auf der Internetseite der Funkhäuser zu lesen sein. Es würde später zur Gewohnheit werden, dort regelmäßig nachzusehen.

Bisher ist es so, dass sich unsere Gesprächspartner die Beiträge noch mal im Internet ansehen und – wenn sie bei Facebook gepostet wurden – auch stolz „teilen“. Beim Dreh waren sie vielleicht erstaunt, was wir alles filmen wollen und dass es ihre richtige Arbeit sein soll. „Kann ich nicht ein bisschen so tun als ob?“. „Nein, denn wir brauchen viele Bilder.“ Das finden die Gesprächspartner hinterher dann auch gut und sind so zufrieden, dass wir wiederkommen dürfen.

Kurzum: Wir kennen uns in unserer Region aus. Wir nehmen uns die notwendige Zeit. Wir berichten auch über „Kleinigkeiten“. Wir bieten Service, den man aber noch steigern könnte. Wir machen keine Tricks.

Heidje Beutel

 

Die Fülle der Leere – Christian Fischer über sein Siegerfoto für den Wettbewerb „PresseFoto Hessen-Thüringen 2016“

„Das macht kein Mensch freiwillig.“ Auf dem Foto ist eine Frau zu sehen, wie sie auf ihrem Schlafsack hockt und sehr ernst in einen Spiegel schaut. Sie hat MCS, eine vielfache Chemikalienunverträglichkeit. Nach dem Ausbruch der Krankheit hat sie im Wald gewohnt, in einem Kellerraum, jetzt auf einem leeren Dachboden in Mühlhausen. Christian Fischer hat Lorena Axt für einen Artikel in der Bild-Zeitung fotografiert. Beim Fotowettbewerb „PresseFoto Hessen-Thüringen 2016“ wurde es zum Foto des Jahres 2016 gekürt.

Gewinner des Fotowettbewerbs 2016
Christian Fischer, freier Journalist; Foto: Dr. Bernd Seydel

Ein Text von Dr. Bernd Seydel

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Mitgliederzuwachs beim BDZV – dennoch tariflose Verlage?

von Ralf Leifer

Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) hat 11 neue Mitglieder. Immerhin fünf davon kommen aus Thüringen: Freies Wort, Ostthüringer Zeitung (OTZ), Südthüringer Zeitung (stz), Thüringer Allgemeine (TA) und Thüringische Landeszeitung (TLZ). Da reibt sich der Branchenkenner erst einmal die Augen. Es sind jene Zeitungen, die 1995 aus der Arbeitgeberorganisation nicht nur austraten, sondern auch noch den Thüringer Zeitungsverlegerverband auflösten. Tarifbindung adieu! Immerhin gelang es dem DJV Thüringen und der damaligen IG Medien  1996 einen Haustarifvertrag für das Freie Wort abzuschließen. Ein Selbstläufer war das nicht. Da musste schon ein sechswöchiger Streik her.

2001 erstreikten sich die Kolleginnen und Kollegen der Südthüringer Zeitung nach nur vier Stunden ihren Haustarifvertrag. Heute erscheinen beide Titel in der Suhler Verlagsgesellschaft (SVG), die nun dem BDZV wieder angehört.

Warum feiert sich der BDZV?

Führte ein über zwanzigjähriger Erkenntnisprozess zur Rolle rückwärts? Wie immer, wenn gejubelt wird, ist ein gesundes Misstrauen nicht schädlich. Auf der Webseite steht:

Zum 1. Januar 2017 können der BDZV und seine Landesverbände elf neue Mitgliedstitel in ihren Reihen begrüßen.

Aha, elf neue Mitgliedstitel. Da lohnt genaueres Hinschauen. Zeitungstitel können nicht Mitglied im BDZV werden, nur Zeitungsverlage, die sich in Landesverbänden zusammengeschlossen haben oder Verlagsgruppen (§ 3 der BDZV-Satzung). Welche Verlage aber sind da über den Verband der Zeitungsverlage in Berlin und Ostdeutschland (VZBO) Mitglied im BDZV geworden.

Ohne Tarifbindung trotz Mitgliedschaft im BDZV - geht das?
Seit 1996 gibt es keine Tarifbindung mehr für die Redakteurinnen und Redakteure der TA, OTZ und TLZ.

Es ist die Mediengruppe Thüringen Verlag GmbH mit Sitz in Erfurt, die im Mitgliederverzeichnis des BDZV zu finden ist. In den Impressen von TA, OTZ und TLZ jedoch nicht. Die in den Redaktionen der drei Titel beschäftigten Kolleginnen und Kollegen sind entweder in der THR Thüringen Redaktion GmbH (Lokalredaktionen) oder in der TCS Thüringen Contents & Services GmbH (Mantelredaktion) angestellt.

In Zeiten, als die Sozialpartnerschaft von Gewerkschaften und Verlegerorganisationen existierte, gingen noch die Verlage, die Redakteurinnen und Redakteure anstellten, in die Arbeitgeberorganisation. Das Verhandeln von materiellen Arbeitsbedingungen überließen sie ihren Verbandsfunktionären und trafen sich stattdessen mit Anzeigenkunden und Honoratioren aus der Politik.

In Südthüringen existiert Tarifbindung, aber nicht überall

In Südthüringen stellt sich die Situation etwas anders dar. Neben dem Verlag, der Freies Wort und Südthüringer Zeitung herausgibt und in dem Redakteurinnen und Redakteure angestellt sind, existiert seit 2014/2015 die HCS Content GmbH. Bisher als Pauschalisten tätigen Freien bot man  dort eine Festanstellung. Volontärinnen und Volontäre werden von der in Coburg ansässigen Firma ausgebildet. Und Neueinstellungen als Ersatz für z. B. altersbedingt ausgeschiedene Kolleginnen und Kollegen erfolgen in der Regel mit Befristung in der HCS Content. Die plante man von Anfang an als tariffreie Zone. Mehr als die Anlehnung an die Tarifverträge in der Zeitungsbranche ist nicht drin.

Worin besteht dann der Vorteil einer Mitgliedschaft der Verlage im BDZV? Der  sozialpartnerschaftliche Interessenausgleich jedenfalls ist nicht oder wie im Fall der SVG nur teilweise möglich. Dabei wäre er so dringend nötig. In der THR und TCS existieren inzwischen vier verschiedene Entlohnungsbedingungen für die gleiche Arbeit. Die HCS Content entlohnt ihre Beschäftigten bis zu etwa einem Drittel unter dem Tarif.

Nun darf spekuliert werden…