Die Fülle der Leere – Christian Fischer über sein Siegerfoto für den Wettbewerb „PresseFoto Hessen-Thüringen 2016“

„Das macht kein Mensch freiwillig.“ Auf dem Foto ist eine Frau zu sehen, wie sie auf ihrem Schlafsack hockt und sehr ernst in einen Spiegel schaut. Sie hat MCS, eine vielfache Chemikalienunverträglichkeit. Nach dem Ausbruch der Krankheit hat sie im Wald gewohnt, in einem Kellerraum, jetzt auf einem leeren Dachboden in Mühlhausen. Christian Fischer hat Lorena Axt für einen Artikel in der Bild-Zeitung fotografiert. Beim Fotowettbewerb „PresseFoto Hessen-Thüringen 2016“ wurde es zum Foto des Jahres 2016 gekürt.

Gewinner des Fotowettbewerbs 2016
Christian Fischer, freier Journalist; Foto: Dr. Bernd Seydel

Ein Text von Dr. Bernd Seydel

Christian Fischer arbeitet seit fünfzehn Jahren unter anderem auch für die Bild-Zeitung als Fotograf: „Ich habe alles schon gesehen“, sagt er ruhig, als ich mich mit ihm über sein Wettbewerbsfoto unterhalte. Aber das Schicksal dieser jungen Frau rührt ihn an. Sie wolle kein Mitleid, erzählt er. Sie suche Heilung, aber die Mittel der Schulmedizin vertrage sie nicht.

Die Fotografie war nicht sein erster Berufswunsch. Als er vierzehn Jahre alt ist, kommt die Wende und damit eine neue Zeit. Christian Fischer beendet die Realschule und bewirbt sich als Maurerlehrling, weil man mit so einem Handwerk gutes Geld verdienen könne. Doch nach einem Jahr ist er ernüchtert. Sechs Wochen lang Türen in einem Keller zuzumauern, weckte neue Lebenspläne. Er brach die Lehre ab, machte sein Abitur und schloss ein Studium als Ingenieur ab. Keinen Tag habe er aber in diesem Beruf gearbeitet, sondern seitdem von der Fotografie gelebt.

„Wenn ein Foto die Emotion weckt,
ist es gut“

Das Bild auf dem Dachboden berührt den Betrachter. Nach rechts ist die Frau gerückt, von rechts kommt das Licht. Links von ihr deutet sich dunkel der Dachboden an, eine große schwarze Leere. Ihr Gesicht sehen wir nur im Spiegel, indirekt, gebrochen. Reflektiert. Veröffentlicht wurde dieses Foto nicht in der Bild-Zeitung vom 13. Mai 2016. Dort ist Lorena Axt von vorne zu sehen, der Dachboden wirkt heller und aufgeräumt. Doch das Dokumentarische berührt weit weniger. Das Siegerfoto ist mehr als die Beschreibung einer ausweglosen Situation eines kranken Menschen. Ich bin verlockt zu sagen, es hätte etwas Allgemeingültiges – wenn so ein Satz nicht irgendwie kitschig klingen würde.

Christian Fischer, PresseFoto Hessen-Thüringen
Die Wander-Ausstellung tourte in den vergangenen Monaten durch Hessen und Thüringen. Foto: Mariana Friedrich

„Erinnert sich jemand an mich in hundert Jahren?“ Für Christian Fischer ist diese Frage wichtig, weil sie ihm einen Maßstab für seine fotografischen Arbeiten gibt. „Vermutlich nicht“, meint er entspannt. Wir sind uns einig, dass wir das einfach abwarten werden.

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