Treffpunkt Internet

Braucht Deutschland eine neue Medienordnung?

Sie haben Onlineangebote und sind in den sozialen Medien präsent: Tageszeitungen, Zeitschriften, Hörfunk, Fernsehen. Der Haken daran ist die Konkurrenz von privatwirtschaftlichen und öffentlich-rechtlich finanzierten Modellen. Doch alle beschränken sich nicht auf den einen Verbreitungsweg. Tageszeitungen werden begleitet von Onlineangeboten oder Portalen, die Videosequenzen enthalten. Zeitschriften halten es nicht anders, bieten häufig, siehe Fachzeitschriften, zusätzlichen Service wie z. B. Newsletter und Fachkongresse an. Die privaten Hörfunksender beschränken sich auf ihren Webseiten längst nicht auf die Bekanntgabe der Playlist. Auch hier gibt es Fotostrecken und Videos. Die öffentlich-rechtlichen Sender bieten in ihren Onlineauftritten Bilder (bewegt oder als Foto), Töne und Texte. Die Mediensparten wachsen zusammen. Das nennt man Konvergenz.

Dem Nutzer ist das weitgehend egal. Er sucht sich die Informationen, das können auch journalistische Inhalte sein, die er seiner Ansicht nach braucht. Das passiert altersabhängig unterschiedlich und reicht von Google über Facebook und Instagram bis zu YouTube und Blogs. Den weltweit agierenden Playern stehen die mit sinkenden Auflagen, Hörer- und Zuschauerzahlen kämpfenden deutschen Medienunternehmen ohnmächtig, hilflos und konzeptlos gegenüber. Die Konsequenz daraus ist der Kampf um die Absicherung des eigenen Geschäftsmodells, das entweder erodiert (Verlage) oder in seiner Existenz bedroht ist (öffentlich-rechtlicher Rundfunk).

Da stuft BDZV-Lautsprecher Döpfner im Gleichklang mit dem Spiegel die öffentlich-rechtlich organisierten Rundfunkanstalten als Staatsfunk ein, der durch Zwangsgebühren finanziert wird. Wer so argumentiert, will nichts anderes, als die Abschaffung der Sender. Die Tagesschau-App versetze, weil presseähnlich, den Verlagen den Todesstoß. Als ob Döpfner und seine Mitstreiter in den Chefetagen irgendein funktionierendes Geschäftsmodell für die Onlinevermarktung der journalistischen Inhalte hätten. Kann man Döpfner eigentlich angesichts seines erlösträchtigen Engagements im Digitalmarkt eine entspanntere Betrachtungsweise nur wünschen, haben seine Kollegen im Verlagsmanagement ganz andere Sorgen. Mit der ständigen Anpassung der Kosten an die Einnahmen werden zwar Synergien im redaktionellen Bereich geschaffen, aber auch eine flächendeckende einheitlich Berichterstattung ermöglicht, vor der Medienforscher Horst Röper zu recht warnt.

(Fortsetzung folgt)

Darum muss es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk geben

„Woher seid ihr? Aus Leipzig?“ Unser Interviewpartner sieht uns aufmerksam an („so sehen also Leute aus Leipzig aus“). Aber dann sind wir doch aus Thüringen, was man auch an der Sprache hört. Wir wohnen sogar im gleichen Landkreis. Typisch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Wir zerstreuen auch schnell ein gewisses Misstrauen: dass wir nur wegen der paar Kabel in das Dorf gekommen sind. Wir sind nicht einem großen Skandal auf der Spur, sondern wir berichten ganz normal über das, was für die Anwohner wichtig ist – auch wenn es nur 1:30 Minuten sind. „Für einen so kurzen Beitrag seid ihr aber lange unterwegs.“ „Ja, das sind wir gewohnt.“

Es gibt natürlich auch Begegnungen mit Zuschauern und Hörern, die sehr routinierte Nachrichtenkonsumenten sind. Die sehen die Kamera im Wald und referieren sofort alle Wald-Themen der letzten Wochen, wobei ich sie zart darauf hinweise, dass ich natürlich ein neues Wald-Thema umsetze: eines, von dem sie noch nicht gehört haben. Andere bekommen dagegen nichts mit von dem, was elektronische Medien senden und Zeitungen schreiben. Sie sind umso empörter – zum Beispiel darüber, dass ein Regionalzug ausfällt. Man könnte sagen: das stand schon x-mal in der Zeitung. Im Fernsehen und Hörfunk wurde über den Beginn der Bauarbeiten informiert und darüber, dass dadurch die Züge danach wesentlich schneller fahren werden. Die Frau am Bahnsteig hat jetzt nichts davon: „Ich lese keine Zeitung.“ Was können wir machen, damit sie sich das nächste Mal informiert, bevor sie anfängt zu schimpfen? Fakten über Baustellen und geänderte Fahrpläne könnten immer auf der Internetseite der Funkhäuser zu lesen sein. Es würde später zur Gewohnheit werden, dort regelmäßig nachzusehen.

Bisher ist es so, dass sich unsere Gesprächspartner die Beiträge noch mal im Internet ansehen und – wenn sie bei Facebook gepostet wurden – auch stolz „teilen“. Beim Dreh waren sie vielleicht erstaunt, was wir alles filmen wollen und dass es ihre richtige Arbeit sein soll. „Kann ich nicht ein bisschen so tun als ob?“. „Nein, denn wir brauchen viele Bilder.“ Das finden die Gesprächspartner hinterher dann auch gut und sind so zufrieden, dass wir wiederkommen dürfen.

Kurzum: Wir kennen uns in unserer Region aus. Wir nehmen uns die notwendige Zeit. Wir berichten auch über „Kleinigkeiten“. Wir bieten Service, den man aber noch steigern könnte. Wir machen keine Tricks.

Heidje Beutel

 

Die „Nicht-Mehr-Richtlinie“ 12.1 des Pressekodex

Nun hat sich auch der Presserat denen gebeugt, die am lautesten schreien: Bislang galt nach der Richtlinie 12.1 des Pressekodex, dass „[…]die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt […]“ wird, „[…] wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht“. Das wurde nun verschlimmbessert.

Ein Text von Sebastian Brennecke

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(Liebes)-Brief eines Urhebers an den Leser

Lieber Leser

wir müssen reden. Dringend. Denn so langsam sehe ich unser wunderbares Verhältnis nachhaltig gestört. Ich darf über Dich schreiben, höre Dir zu, bringe Deine wunderbaren Taten tagtäglich in die Zeitung, und Du liest sie am nächsten Morgen online auf Deinem Tablet oder beim Frühstück klassisch in der Zeitung. Manchmal schreibst Du mir auch, was nicht so gut war, was Dir gefiel, was Dich ärgerte. Bis dahin ist unser Verhältnis ein ganz wundervolles, voller Zuneigung. Ich schätze Dich, wie Du mich. In guten wie in schlechten Ausgaben.

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Blick über den Tellerand – wie Unternehmen und Medien in Schweden Hand in Hand arbeiten        

Das DJV-Thüringen-Vorstandsmitglied Ninette Pett war am Wochenende bei der Konferenz der jungen Unternehmer (EYE C7) in Schweden und hat sich umgehört, wie der Mittelstand auf Journalisten blickt.

Ein Text von Ninette Pett

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Auf der Sinnsuche im Journalismus zum Tag der Pressefreiheit

Der Tag der Pressefreiheit bewies in der Kleinen Synagoge in Erfurt einmal mehr, im Journalismus wieder mehr Haltung einzunehmen. Der DJV Thüringen lud zusammen mit der Friedrich-Ebert-Stimmung ein.

Die Podiumsrunde mit TLZ-Chefredakteur Nils R. Kachwig, dem DJV-Vorsitzenden Frank Überall, dem Direktor des MDR Landesfunkhauses Thüringen, Boris Lochthofen, und Georg Ruhrmann vom Institut für Kommunikationswissenschaften der Friedrich-Schiller-Universität Jena tauschte sich zum Thema „Emotion vor Fakten? Journalismus zwischen Populismus, Selbstanspruch und öffentlichem Auftrag“ aus. Die freie Journalistin Blanka Weber moderierte die Runde.

Dass Deutschland in der aktuellen Rangliste der Reporter ohne Grenzen in Bezug auf die Pressefreiheit von Platz 12 auf Platz 16 abgerutscht ist, macht Sorgen. Doch aus den Gründen lässt sich erkennen, was Journalisten dagegen tun können. Klar war allen, ist die Pressefreiheit in Gefahr, ist es auch die Demokratie, denn nur Pressevielfalt und ihre Wahrung sichern Meinungsfreiheit.

Der sprunghafte Anstieg von Angriffen, Beleidigungen und Drohungen

… gegenüber Journalisten haben auch Kollegen im mitteldeutschen Raum, vor allem aber in Sachsen zu spüren bekommen. Auf Kundgebungen der AfD in Erfurt gehen viele Reporter zum Beispiel nur noch mit Personenschutz. Wie aber lässt sich da objektiv, vorurteilsfrei und ohne Furcht im Rahmen der Pressefreiheit berichten? Wohl kaum. Warum ist der Populismus so viel stärker geworden als die freie Presse? Wo bleibt die gesunde Skepsis gegenüber den Parolen jeglicher Politik? Frank Überall fand in seinem Eingangsvortrag dazu passende Worte. Populismus gibt einfache Antworten auf schwierige Fragen. Er gibt sich volksnah, dramatisiert, um die Gunst der Massen zu gewinnen, und wird von einer demagogischen Politik gefüttert. Er soll einzig und allein Aufmerksamkeit generieren.

Der Journalist darf sich nicht auf das Niveau des Populisten herablassen, tut es aber allzu oft. Letzterer ist Medienstrategie. Werfen Populisten mit ihren Skandälchen und verbalen Überschreitungen Stöckchen aus, springen noch immer zu viele Journalisten darüber. Zu schnell verbreiten sie solche Entgleisungen, analysieren sie, mehren sie in Kommentierungen und säen so das Gedankengut, das unserer Demokratie so entgegensteht. Populisten provozieren bewusst und nutzen uns Journalisten als Multiplikatoren. Pressefreiheit aber verlangt eine kritische Haltung.

Natürlich darf die Presse die Populisten dieser Zeit nicht ignorieren. Erst Recht nicht, wenn sie ganze Staaten regieren oder nach der Macht streben. Die komplexen Themen, die der Populist runterbricht auf ein einfaches Weltbild, muss der Journalist aufgreifen, analysieren und kritisch reflektieren. Er muss das Spiel und die Strategie des Populisten entlarven und bloß stellen, ohne dem Rezipienten das Urteil vorweg zu nehmen. Dabei muss er aber auch transparent in seinen Arbeitsweisen sein, Außenstehenden sein Handwerk sichtbar machen. Er darf sich nicht mehr erheben über seine Nutzer, muss seinen Beruf erklären. Mathias Döpfner, Zeitungsverleger-Präsident, fordert für die Pressefreiheit deswegen „selbstbewusste und bodenständige Journalisten, die sich nicht besser als andere fühlen und ihren Job mit Lust und Leidenschaft betreiben“.

Zusammenlegung von Redaktionen, Einsparungen und Entlassungen

… stehen dieser Forderung aber entgegen. Sie führen laut Reporter ohne Grenzen ebenso zu einer Gefährdung der Pressefreiheit, weil sie den Journalisten eben die sichere und dringende Arbeitsgrundlage nehmen. Lust und Leidenschaft kann nur der im Beruf entwickeln, der sich gewertschätzt fühlt. Wer aber nicht angemessen bezahlt wird, keine ordentliche Vergütung erhält und die Arbeit von drei Kollegen übernehmen muss, weil es an Personal fehlt, der kann seinen Beruf nicht selbstverständlich ausführen. Zentralredaktionen, wie sie auch die MGT in Thüringen nutzt, führen zu Einheitsmeinungen in der Pressevielfalt, die es dem Rezipienten nicht mehr erlauben, sich umfassend zu informieren. Liest, hört und sieht er überall das gleiche, verdächtigt er den professionellen Journalismus, gesteuert, manipulierend und lückenhaft zu sein. Der Zugang zum weltweiten Web erschließt ihm doch andere Informationsquellen.

Gut ausgebildete Journalisten können diese als Fake News entlarven. Wie aber soll das einem Nutzer gelingen, der es nicht gelernt hat. Dem Lügenpresse-Vorwurf ist nur beizukommen, indem sich der Journalismus endlich transparent zeigt, sich auf eine Ebene mit den Nutzern stellt, sie abholt, wo sie sich informieren, und ihnen hilft, sich umfassend ein Bild zu machen. Der Journalist muss wieder mehr zuhören, kritischer werden und in seiner Themensetzung den Nutzer mehr einbeziehen. Natürlich erfordert auch dies die Rückendeckung des Staates und der Verleger.

Ermittlungen der Bundesanwaltschaft und das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung

erschweren die Arbeit von Journalisten zunehmend. Sie gefährden seine Quellen und stellen ihn unter Generalverdacht. Für den DJV bedeutet es, noch stärker Lobbyarbeit zu betreiben, sich in Gesetzesentwürfe einzumischen und seinen Berufsstand zu schützen. Decken Journalisten dank Whistleblower und weltweiter Kooperationen illegale Machenschaften auf, so ist dies kein Landesverrat, sondern ihre Arbeit. Kritisieren sie öffentlich Despoten und weisen auf die Einschränkung demokratischer Grundwerte hin, so dürfen sie nicht behindert werden und gehören nicht ins Visier von Ermittlungen oder gar ins Gefängnis, sondern sollten Schutz und Unterstützung erfahren. Frank Überall zitierte an dieser Stelle George Orwell: „Journalismus heißt, etwas zu drucken, von dem jemand will, dass es nicht gedruckt wird“. Das muss wieder breiter Konsens werden in der Gesellschaft und Politik.

Die Podiumsdiskussion spiegelte viele dieser Aspekte wider. Sie zeigte, wie neue Technologien Journalisten dabei unterstützen können, welchen Beeinflussungen er unterliegt, wie die eigene Filterblase geweitet und reflektiert werden kann. Sie brachte Ansätze, wie die bürgerliche Gesellschaft wieder mehr mit sich selbst ins Gespräch gebracht werden kann, damit sie lernen kann. Sie machte aber auch deutlich, wo noch viel Arbeit auf Journalisten wartet, etwa bei der Attraktivität von Arbeitsplätzen, bei Lösungen für veränderte Medienströme und Reaktionen auf neue Entwicklungen.

Wir als DJV Thüringen freuen uns auf diese Herausforderungen.

Wo der Hass regiert, braucht es gebündelte Kompetenz

Dass der Umgangston in den Kommentarspalten und sozialen Medien ein rauer ist, wissen wir nicht erst seit gestern. Beleidigungen, Verleumdungen und blinde Hetze finden hier den Raum und die Anonymität, die sie brauchen. Besonders Letztere macht es so schwer, Konter zu geben. Und wo das Ziel ein schwammiges Konstrukt aus Nebelschwaden ist, geht der Schuss leicht daneben, vor allem, wenn er in Eile und unbedacht gesetzt ist.

Ein Text von Mariana Friedrich

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VG Wort: Noch lange keine Entwarnung

Fast ein Jahr ist es her, dass der juristische Fachautor Martin Vogel vor dem BGH einen Prozess gegen die VG Wort gewonnen hat – mit der Folge, dass Verlagen keine pauschale Beteiligung an gesetzlichen Urhebervergütungen mehr zusteht. Mittlerweile ist der Rechtsstreit abgeschlossen, aber seine Folgen sind noch lange nicht ausgestanden. Ulf J. Froitzheim, Landesvorstandsmitglied des Bayerischen Journalisten-Verbandes und Mitglied im Verwaltungsrat der VG Wort, erklärt, wie es weitergeht und was alle Autoren jetzt über die Verwertungsgesellschaft wissen müssen.

Ein Text von Ulf J. Froitzheim

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Mitgliederzuwachs beim BDZV – dennoch tariflose Verlage?

von Ralf Leifer

Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) hat 11 neue Mitglieder. Immerhin fünf davon kommen aus Thüringen: Freies Wort, Ostthüringer Zeitung (OTZ), Südthüringer Zeitung (stz), Thüringer Allgemeine (TA) und Thüringische Landeszeitung (TLZ). Da reibt sich der Branchenkenner erst einmal die Augen. Es sind jene Zeitungen, die 1995 aus der Arbeitgeberorganisation nicht nur austraten, sondern auch noch den Thüringer Zeitungsverlegerverband auflösten. Tarifbindung adieu! Immerhin gelang es dem DJV Thüringen und der damaligen IG Medien  1996 einen Haustarifvertrag für das Freie Wort abzuschließen. Ein Selbstläufer war das nicht. Da musste schon ein sechswöchiger Streik her.

2001 erstreikten sich die Kolleginnen und Kollegen der Südthüringer Zeitung nach nur vier Stunden ihren Haustarifvertrag. Heute erscheinen beide Titel in der Suhler Verlagsgesellschaft (SVG), die nun dem BDZV wieder angehört.

Warum feiert sich der BDZV?

Führte ein über zwanzigjähriger Erkenntnisprozess zur Rolle rückwärts? Wie immer, wenn gejubelt wird, ist ein gesundes Misstrauen nicht schädlich. Auf der Webseite steht:

Zum 1. Januar 2017 können der BDZV und seine Landesverbände elf neue Mitgliedstitel in ihren Reihen begrüßen.

Aha, elf neue Mitgliedstitel. Da lohnt genaueres Hinschauen. Zeitungstitel können nicht Mitglied im BDZV werden, nur Zeitungsverlage, die sich in Landesverbänden zusammengeschlossen haben oder Verlagsgruppen (§ 3 der BDZV-Satzung). Welche Verlage aber sind da über den Verband der Zeitungsverlage in Berlin und Ostdeutschland (VZBO) Mitglied im BDZV geworden.

Ohne Tarifbindung trotz Mitgliedschaft im BDZV - geht das?
Seit 1996 gibt es keine Tarifbindung mehr für die Redakteurinnen und Redakteure der TA, OTZ und TLZ.

Es ist die Mediengruppe Thüringen Verlag GmbH mit Sitz in Erfurt, die im Mitgliederverzeichnis des BDZV zu finden ist. In den Impressen von TA, OTZ und TLZ jedoch nicht. Die in den Redaktionen der drei Titel beschäftigten Kolleginnen und Kollegen sind entweder in der THR Thüringen Redaktion GmbH (Lokalredaktionen) oder in der TCS Thüringen Contents & Services GmbH (Mantelredaktion) angestellt.

In Zeiten, als die Sozialpartnerschaft von Gewerkschaften und Verlegerorganisationen existierte, gingen noch die Verlage, die Redakteurinnen und Redakteure anstellten, in die Arbeitgeberorganisation. Das Verhandeln von materiellen Arbeitsbedingungen überließen sie ihren Verbandsfunktionären und trafen sich stattdessen mit Anzeigenkunden und Honoratioren aus der Politik.

In Südthüringen existiert Tarifbindung, aber nicht überall

In Südthüringen stellt sich die Situation etwas anders dar. Neben dem Verlag, der Freies Wort und Südthüringer Zeitung herausgibt und in dem Redakteurinnen und Redakteure angestellt sind, existiert seit 2014/2015 die HCS Content GmbH. Bisher als Pauschalisten tätigen Freien bot man  dort eine Festanstellung. Volontärinnen und Volontäre werden von der in Coburg ansässigen Firma ausgebildet. Und Neueinstellungen als Ersatz für z. B. altersbedingt ausgeschiedene Kolleginnen und Kollegen erfolgen in der Regel mit Befristung in der HCS Content. Die plante man von Anfang an als tariffreie Zone. Mehr als die Anlehnung an die Tarifverträge in der Zeitungsbranche ist nicht drin.

Worin besteht dann der Vorteil einer Mitgliedschaft der Verlage im BDZV? Der  sozialpartnerschaftliche Interessenausgleich jedenfalls ist nicht oder wie im Fall der SVG nur teilweise möglich. Dabei wäre er so dringend nötig. In der THR und TCS existieren inzwischen vier verschiedene Entlohnungsbedingungen für die gleiche Arbeit. Die HCS Content entlohnt ihre Beschäftigten bis zu etwa einem Drittel unter dem Tarif.

Nun darf spekuliert werden…

Neue Seitenstruktur bei TA, TLZ und OTZ

von Rainer ASCHENBRENNER

Jüngst las ich über eine neue Seitenstruktur für T­­­­hüringer Allgemeine (TA), Thüringische Landeszeitung (TLZ) und Ostthüringer Zeitung (OTZ). Eine Pressemitteilung der Mediengruppe Thüringen (MGT) kündigte diese  Neuerungen zum 1. Februar an.


Die neue Seitenstruktur in einer Präsentation der TLZ. Screenshot: raMan rücke mit der neuen Seitenstruktur „die Lebenswirklichkeit und das Lebensgefühl unserer Leserinnen und Leser noch stärker in den Fokus“ und werde „mehr lokale und regionale Vielfalt“ abbilden, sagte Projektleiter und TA-Chefredakteur Johannes M. Fischer. „Wir werden damit noch deutlicher unserem Anspruch als Heimatzeitung gerecht.“
-> Die Präsentation zur Seitenstruktur der TA hier.

Mehr Qualität und mehr Relevanz im Lokalen, in Thüringen und im Freizeitbereich“, versprach MGT-Geschäftsführer Michael Tallai.

Tolles Ei ins (Oster-)Nest gelegt

Das ließ hoffen. Denn schließlich haben wir in Gotha schon seit Ostern 2010 eigentlich nur noch einen Lokalteil. Seither stimmten sich die beiden formell noch eigenständigen Redaktionen ab, wer welche Termine besetzte und produzierten dann in einen großen Topf, aus dem die Seiten befüllt wurden. Die zwei Ausgaben hatten deshalb viele Dubletten, waren aber tagesaktuell selten identisch. Im Wochenverlauf bekamen trotzdem TA-Leser alle TLZ-Texte zu lesen – und andersherum. Ausnahmen bildeten wenige exklusiv recherchierte Geschichten der TLZ- oder TA-Redakteure.

Auch wenn kaum noch jemand BEIDE Tageszeitungen abonniert hatte – der Verlust an Medien- und damit auch an Meinungsvielfalt war eklatant. Und blieb nicht unbemerkt. Schließlich kennen Gothaer Leser und Leserinnen ihre Pappenheimer. Sie wissen, dass zur „blauen“ TLZ Conny Möller und Wieland Fischer gehören und zur „grünen“ TA Claudia Klinger und Peter Riecke.

Das „Gothaer Modell“ wurde übrigens auch an anderen Doppel-Standorten gepflegt – mit verschiedener Quote der Zweitverwertung.

Der Einfalt ein Ende?

Doch jetzt sollte es – dank der neuen Seitenstruktur – „mehr lokale und regionale Vielfalt“ (Johannes M. Fischer) mit „mehr Qualität und mehr Relevanz“ (Michael Tallai) geben.

Jenseits von Bauchgefühlen oder Vorurteilen mögen Zahlen sprechen. Maßstab dafür waren Gothaer Ausgaben von TA und TLZ.

Am 31. Januar erschienen TA und TLZ letztmalig im alten Format.
18 der 24 Seiten waren identisch (Details hier).

Die Ausgaben vom 4. Februar (Samstag) in Gotha präsentierten sich in der neuen Seitenstruktur. Jetzt waren 22 der 28 Seiten identisch.

Erstmals erschien auch die neue Wochenendbeilage. Sie setze v. a. „auf Freizeitthemen, vom schönen Wohnen über Wandern bis hin zu Wellness“. Dessen Layout sollte sich von Rest der Zeitung abheben und „an ein hochwertiges Magazin“ erinnern. So stand es in der MGT-Pressemitteilung. Diese 8 Seiten waren tatsächlich „magazinisch“, aber  identisch. Zuvor hatte jeder der drei Titel „seine“ Wochenendbeilage.

Identisch wie bisher sind in der neuen Struktur allerdings auch wieder die Beilagen „Immobilien“ (4 Seiten) und „Reise“ (8 Seiten).

Rechnet man die Beilage hinzu, dann waren demnach 42 von 48 Seiten identisch (Details hier) .

Weniger machen mehr (Gewinn)

Zur Erinnerung: Die neue Blattstruktur sollte mehr lokale und regionale Vielfalt, mehr Qualität und mehr Relevanz bringen.

Sie wäre zudem „ein wichtiger Bestandteil des Zukunftsprogramms, das wir vor einem Jahr begonnen haben“, ist MGT-Geschäftsführer Michael Tallai in der Pressemitteilung zitiert.

Dieses Zukunftsprogramm hatte die MGT Anfang 2016 verkündet, das einen radikalen Umbau aller Redaktionsstrukturen vorsah. Das sollte aber verbunden sein mit einem Schärfen der individuellen Profile der Tageszeitungen. Dafür sollte die Blattplanung und Themensetzung wieder in den Regionen und nicht mehr in den Mantelredaktionen stattfinden, so die Pressemitteilung. Und nicht zuletzt sollten die Lokalredaktionen um weitere Redakteurinnen und Redakteure aufgestockt werden.

Zugleich aber standen der Abbau von 57 Redakteursstellen in den drei Mantelredaktionen im Raum und die Entlassung der Sekretärinnen der Lokalredaktionen.

All dies rief nicht nur den DJV Thüringen (Pressemitteilung hier und hier) auf den Plan, bestimmte dessen Landesverbandstag in Arnstadt (Pressemitteilung). Auch die Thüringer Öffentlichkeit nahm dies mit Besorgnis auf, befürchtete einen dramatischen Verlust an Meinungs- und Pressevielfalt. So gab es u. a. im April eine öffentliche Debatte im Erfurter „Café Nerly“ – vom DJV (PM) und der Friedrich-Ebert-Stiftung organisiert (Podcast – Dauer: 1:51 h). Kenner der Thüringer Medien-Szene wie der Ex-TA-Mann Falk Heunemann und auch Thüringer Parteien wie die SPD und die LINKE äußerten sich dazu.

Schlussendlich gab es für Redakteure, die über 57 Jahre alt waren, das Angebot einer Übergangsregelung, bei der sie bezahlt von der Arbeit freigestellt wurden. Das nehmen mehr als 50 an – also gut 1/5 aller Journalisten in den drei Tageszeitungen. Der Abgang solcher Routiniers reißt in jedem Unternehmen eine gewaltige Lücke. Schließlich nehmen sie auch jede Menge Detailwissen, Ortskenntnis, Überblick und Lebenserfahrung mit.

Und: Die Ü50 sind im Übrigen immer noch die treueste Leserschaft der drei Zeitungen. Eben genau jene, deren „Lebenswirklichkeit und das Lebensgefühl … noch stärker in den Fokus“ der Berichterstattung kommen sollte (Johannes M. Fischer).

Dies galt übrigens auch für die Sekretärinnen, deren Stellen vor Ort dennoch abgebaut wurden. Seither werden die Lokalredaktionen aus der MGT-Zentrale in Erfurt betreut. Für die Stellen dort konnten sich die bisherigen Sekretärinnen bewerben. Das taten nicht alle. Aber auch jene, die das taten, wurden nicht alle genommen – weil es deutlich weniger Stellen waren als zuvor.

„Provinz fängt im Kopf an“

Nun könnte man sich auch noch mokieren, dass „Provinz im Kopf“ anfängt, weil die Berichterstattung über die Politik jenseits der Grenzen des Freistaates marginal geworden ist.

Man könnte auch schlaumeiern, dass vollständige Seiten nicht in und mit Stoff aus Thüringen gefüllt, sondern von diversen Zentralredaktionen beigesteuert werden.

Trefflich ließe sich philosophieren, dass eine Regionalzeitung, wie es die „Drei Gleichen“ sind (die ja auch noch einen identischen Online-Auftritt hinlegen!), dann tatsächlich lesenswert wären, würden Auswirkungen der Ereignisse in der großen, weiten Welt auf die regionale/lokale Ebene gezeigt.

Und es wäre sicherlich keine Krümelkackerei, stünde hier nun auch noch, was die Personaldürre im Lokalen fördert: Nämlich, dass Pressemitteilungen von Kommunen, Verbänden und diversen politischen Mandats-, Funktions-, Bedenken- und sonstigen -trägern unbearbeitet, 1:1 ins Blatt gehoben werden – ohne zu kennzeichnen, dass es PR ist.

Das wohl beste aller Silly-Alben aus der Ära mit Tamara Danz war für mich „Februar“. Das kam 1989 heraus. Ein Song hatte den Refrain: „Alles wird besser, aber nichts wird gut …“

Wie zeitlos diese Zeilen sind, obwohl 28 Jahre alt.