(Liebes)-Brief eines Urhebers an den Leser

Lieber Leser

wir müssen reden. Dringend. Denn so langsam sehe ich unser wunderbares Verhältnis nachhaltig gestört. Ich darf über Dich schreiben, höre Dir zu, bringe Deine wunderbaren Taten tagtäglich in die Zeitung, und Du liest sie am nächsten Morgen online auf Deinem Tablet oder beim Frühstück klassisch in der Zeitung. Manchmal schreibst Du mir auch, was nicht so gut war, was Dir gefiel, was Dich ärgerte. Bis dahin ist unser Verhältnis ein ganz wundervolles, voller Zuneigung. Ich schätze Dich, wie Du mich. In guten wie in schlechten Ausgaben.

Und dann tust Du es. Einfach so. Du trittst meine Arbeit mit Füßen. Du machst es nicht einmal mit Absicht, sogar aus voller Freude und Stolz über sie. Du willst andere teilhaben lassen. Oft merke ich es nicht einmal. Umso mehr tut es weh, wenn ich auf Deiner Timeline, Deiner Internetseite, Deinen sonst wie genutzten Kanälen im Internet meine Arbeit finde, ohne dass Du mich vorher gefragt hast. Du hast meine Beiträge über Dich ausgeschnitten, kopiert und stellst sie einer mir fremden Öffentlichkeit zur Schau. Und diese freut sich mit Dir, lobt den Inhalt, regt sich mit Dir auf. Ich aber bleibe allein zurück und fühle mich ausgenutzt.

Journalismus kostet Geld

Denn, weißt Du, lieber Leser, ich verdiene mein Geld mit diesen Beiträgen. Ich stecke viel Mühe, Sorgfalt und Zeit in diese Zeilen, feile an den Überschriften, suche passende Bilder aus, versuche so genau wie möglich Deinen Sachverhalt darzustellen. Ich mache das nicht kostenlos und nicht umsonst. Mein Recht an meinen Werken, mein Urheberrecht, gehört mir. Das Recht, sie zu verwenden, trete ich als Angestellte an den Verlag ab, unter der Maßgabe, dass er sie wie im Vertrag geregelt verwendet. Dafür bekomme ich ein Gehalt oder Honorar. Du siehst, ich verdiene Geld mit meinen Zeilen.

Stellst Du diese wertvollen Inhalte, und sie haben einen Wert, sonst würde die Zeitung kein Geld kosten, kostenlos online, untergräbst Du meine Arbeit, machst sie wertlos, weil frei verfügbar.

Du sagst jetzt, dass ich dadurch aber Reichweite erlange, und immerhin geht es doch um Dich in diesen Beiträgen. Du sagst, andere klicken die Inhalte nicht, wenn zur Verfügung gestellte Links auf Bezahlschranken führen. Richtig, Du hast Dich mir anvertraut, weil Du an meine Kompetenz als Journalist glaubst. Du erwartest von mir im besten Fall eine sorgfältige, ausgewogene Recherche, eine Fähigkeit, in der ich ausgebildet bin, mit der auch andere an Deiner Sache teilhaben. Ich aber bin in dieser Rolle kein Ehrenamtler, kein Held, kein Märtyrer, kein Verfechter von irgendwas. Ich bin Journalist, ein Dienstleister. Ich blogge nicht in der Freizeit, um mich mitzuteilen. Ich schreibe, um davon zu leben. Bezahlst Du mich, bestimmst Du die Konditionen. Mich aber bezahlt der Verlag. Also entscheidet der, was aus meinen Texten wird.

Presse
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Brötchen werden nicht mit Reichweite bezahlt

Wie konnte es soweit kommen, dass Du davon ausgehst, meine Arbeit einfach anderen anzubieten? Ich zahle doch auch meine Brötchen, bevor ich sie zum Frühstück mitbringe. Ich sage dem KFZ-Mechaniker, was kaputt ist, er repariert es, ich bezahle es. Ich darf nicht einfach wegfahren und allen erzählen, wie gut der KFZ-Mechaniker gearbeitet hat. Reichweite ist keine Bezahlung. Für 30 Leser mehr kriege ich kein Brötchen.

Ich gebe es ja zu. Ich bin mit meiner Zweitbeziehung zum Verlag, den Abnehmer meiner Arbeit, ja selbst schuld. Als das Internet aufkam, da gab man ihm kaum eine Chance. Es wurde abgetan als kompliziert und zu speziell, nur für Nerds. Je mehr es nutzten, desto mehr wurden die Verlage drauf aufmerksam. Sie wollten da mitspielen. Also boten sie unsere Texte feil und wir schauten zu. Es waren spannende Zeiten für alle. Die Auflagen im Print gingen zurück, der Leser zog sich ins Internet zurück. Er fand dort Informationen, Musik, Filme, alles einfach so mit einem Klick. Und weil da alle Leser hinguckten, wurden auch unsere Beiträge dort hingestellt. Gratis. Man wollte Reichweite und sah nicht, dass es ein Rausverkauf von Qualität und harter Arbeit ist. Journalismus ist plötzlich nichts mehr wert. Es ist etwas, das jeder kann.

Schlechte Bezahlung, schlechter Journalismus

Ich leide darunter. Denn fehlt dem Verlag das Geld aufgrund fehlender Leser, die gute Arbeit zu schätzen wissen, fehlt ihm auch Geld, um diese Arbeit zu bezahlen. Du wirst es in Thüringen sicherlich bemerkt haben. Die Auflagen gehen zurück, Geschäftsmodelle wenden sich von der Zeitung, dem Hauptgeschäft, ab, Redaktionen schrumpfen und mit diesem Trend nimmt die Qualität ab. Und das macht es für Dich noch schwerer. Warum sollst Du für eine schlechter werdende Zeitung zahlen?

Die Frage ist berechtigt. Wir müssen beide an unserem Selbstverständnis und der Auffassung vom jeweils anderem arbeiten. Soll unsere Beziehung gesunden, muss sie offen und ehrlich neu definiert werden. Deswegen lass uns reden. Sprich mich an, bevor Du meine Arbeit nutzt und höre mir genau zu, wenn ich Dir erkläre, dass Du gegen das Urheberrecht verstößt, wenn ich Dir Alternativen anbiete, weil natürlich auch ich will, dass Du meine Beiträge mitteilst, wenn sie Dir gefallen. Ignoriere nicht meine Ermahnungen, rechtfertige nicht Deinen Rechtsverstoß, und glaube mir, wenn ich Dich belehre. Denn ich mache das professionell. Ich verdiene Geld mit Journalismus und weiß deshalb um meine Rechte.

Die Dritten im Urheberrecht-Bunde

Lass uns Schlichter und Mitschuldige zu Wort kommen:

Nils R. Kawig, Chefredakteur der Thüringer Landeszeitung:
„Für uns sind die Verstöße gegen das Urheberrecht ein Riesenthema. Aber wir müssen uns da auch an die eigene Nase fassen. Wir haben die Gratis-Mentalität zu spät erkannt und sind nicht dagegen vorgegangen. Heute machen wir das den Lesern bewusst. Wir erarbeiten derzeit eine Richtlinie, wie wir mit den ohne Erlaubnis gratis angebotenen Inhalten umgehen sollen. Wir müssen eben unsere Vertriebserlöse beachten. Bekommen wir Wind von unrechtmäßig angebotenen Beiträgen, gehen wir auch dagegen vor. Wir sprechen die Leser an, bieten ihnen an, die Artikel zu verlinken. Kulanzfälle sind immer Einzelfälle. Die beste Lösung ist immer ein Anruf in der Redaktion. Sprecht mit uns. Wir finden sicher eine Möglichkeit.“

Walter Hörmann, Chefredakteur Freies Wort:
„Wir versuchen durchaus, unsere Inhalte zu schützen. In der Regel schreiben wir zunächst freundliche Briefe bzw. Mails und weisen auf die Rechtslage hin, die den meisten ja völlig unbekannt ist. Obgleich sie selbst immer ein Impressum auf der Website haben, im dem sie ihre Rechte für sich reklamieren – aber die sind ja i.d.R. auch nur aus dem Netz kopiert …  Wir posten selbst grundsätzlich nur Links. Daneben bieten wir kostenpflichtige Lizenzen für die Nutzung durch Dritte an. Die Preise sind nach Art und Umfang gestaffelt und werden für Partner und/oder gemeinnützige Zwecke z.T. stark rabattiert. Wir wollen Zeitungen bzw. Premium-Content verkaufen. Davon leben wir. Was wir selbst kostenfrei auf den Portalen anbieten, erzeugt Reichweite, die wir über Werbung monetarisieren. Wir achten zudem selbstverständlich die Rechte unserer Autoren und Fotografen, die es nicht hinnehmen müssen, wenn ihre Werke bei Dritten publiziert werden. Wird dagegen verstoßen, folgt ein freundlicher Brief, wird das ignoriert, eine klare Aufforderung, dann eine Aufforderung mit Fristsetzung, danach ein Anwaltsschriftsatz mit Unterlassungsverpflichtung samt Vertragsstrafenvereinbarung, schließlich als letztes Mittel die Unterlassungsklage. In zwei Fällen mussten wir auf Facebook schon bis zur Unterlassungsverpflichtung gehen und erhielten sie auch. Zitate sind übrigens immer erlaubt, solange sich die Länge im Rahmen hält: Überschrift plus drei Sätze, dazu natürlich Quellenhinweis und ein Link halten wir für statthaft. Das Urheberrecht erlaubt weniger. Aber das sehen wir nicht so dramatisch. Link ist auch immer erlaubt.“

Ich danke Dir, dass Du mir bis hier gefolgt bist.

Deine Doreen

 

Foto: Alexas_Fotos/pixabay.com

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