Neue Seitenstruktur bei TA, TLZ und OTZ

von Rainer ASCHENBRENNER

Jüngst las ich über eine neue Seitenstruktur für T­­­­hüringer Allgemeine (TA), Thüringische Landeszeitung (TLZ) und Ostthüringer Zeitung (OTZ). Eine Pressemitteilung der Mediengruppe Thüringen (MGT) kündigte diese  Neuerungen zum 1. Februar an.


Die neue Seitenstruktur in einer Präsentation der TLZ. Screenshot: raMan rücke mit der neuen Seitenstruktur „die Lebenswirklichkeit und das Lebensgefühl unserer Leserinnen und Leser noch stärker in den Fokus“ und werde „mehr lokale und regionale Vielfalt“ abbilden, sagte Projektleiter und TA-Chefredakteur Johannes M. Fischer. „Wir werden damit noch deutlicher unserem Anspruch als Heimatzeitung gerecht.“
-> Die Präsentation zur Seitenstruktur der TA hier.

Mehr Qualität und mehr Relevanz im Lokalen, in Thüringen und im Freizeitbereich“, versprach MGT-Geschäftsführer Michael Tallai.

Tolles Ei ins (Oster-)Nest gelegt

Das ließ hoffen. Denn schließlich haben wir in Gotha schon seit Ostern 2010 eigentlich nur noch einen Lokalteil. Seither stimmten sich die beiden formell noch eigenständigen Redaktionen ab, wer welche Termine besetzte und produzierten dann in einen großen Topf, aus dem die Seiten befüllt wurden. Die zwei Ausgaben hatten deshalb viele Dubletten, waren aber tagesaktuell selten identisch. Im Wochenverlauf bekamen trotzdem TA-Leser alle TLZ-Texte zu lesen – und andersherum. Ausnahmen bildeten wenige exklusiv recherchierte Geschichten der TLZ- oder TA-Redakteure.

Auch wenn kaum noch jemand BEIDE Tageszeitungen abonniert hatte – der Verlust an Medien- und damit auch an Meinungsvielfalt war eklatant. Und blieb nicht unbemerkt. Schließlich kennen Gothaer Leser und Leserinnen ihre Pappenheimer. Sie wissen, dass zur „blauen“ TLZ Conny Möller und Wieland Fischer gehören und zur „grünen“ TA Claudia Klinger und Peter Riecke.

Das „Gothaer Modell“ wurde übrigens auch an anderen Doppel-Standorten gepflegt – mit verschiedener Quote der Zweitverwertung.

Der Einfalt ein Ende?

Doch jetzt sollte es – dank der neuen Seitenstruktur – „mehr lokale und regionale Vielfalt“ (Johannes M. Fischer) mit „mehr Qualität und mehr Relevanz“ (Michael Tallai) geben.

Jenseits von Bauchgefühlen oder Vorurteilen mögen Zahlen sprechen. Maßstab dafür waren Gothaer Ausgaben von TA und TLZ.

Am 31. Januar erschienen TA und TLZ letztmalig im alten Format.
18 der 24 Seiten waren identisch (Details hier).

Die Ausgaben vom 4. Februar (Samstag) in Gotha präsentierten sich in der neuen Seitenstruktur. Jetzt waren 22 der 28 Seiten identisch.

Erstmals erschien auch die neue Wochenendbeilage. Sie setze v. a. „auf Freizeitthemen, vom schönen Wohnen über Wandern bis hin zu Wellness“. Dessen Layout sollte sich von Rest der Zeitung abheben und „an ein hochwertiges Magazin“ erinnern. So stand es in der MGT-Pressemitteilung. Diese 8 Seiten waren tatsächlich „magazinisch“, aber  identisch. Zuvor hatte jeder der drei Titel „seine“ Wochenendbeilage.

Identisch wie bisher sind in der neuen Struktur allerdings auch wieder die Beilagen „Immobilien“ (4 Seiten) und „Reise“ (8 Seiten).

Rechnet man die Beilage hinzu, dann waren demnach 42 von 48 Seiten identisch (Details hier) .

Weniger machen mehr (Gewinn)

Zur Erinnerung: Die neue Blattstruktur sollte mehr lokale und regionale Vielfalt, mehr Qualität und mehr Relevanz bringen.

Sie wäre zudem „ein wichtiger Bestandteil des Zukunftsprogramms, das wir vor einem Jahr begonnen haben“, ist MGT-Geschäftsführer Michael Tallai in der Pressemitteilung zitiert.

Dieses Zukunftsprogramm hatte die MGT Anfang 2016 verkündet, das einen radikalen Umbau aller Redaktionsstrukturen vorsah. Das sollte aber verbunden sein mit einem Schärfen der individuellen Profile der Tageszeitungen. Dafür sollte die Blattplanung und Themensetzung wieder in den Regionen und nicht mehr in den Mantelredaktionen stattfinden, so die Pressemitteilung. Und nicht zuletzt sollten die Lokalredaktionen um weitere Redakteurinnen und Redakteure aufgestockt werden.

Zugleich aber standen der Abbau von 57 Redakteursstellen in den drei Mantelredaktionen im Raum und die Entlassung der Sekretärinnen der Lokalredaktionen.

All dies rief nicht nur den DJV Thüringen (Pressemitteilung hier und hier) auf den Plan, bestimmte dessen Landesverbandstag in Arnstadt (Pressemitteilung). Auch die Thüringer Öffentlichkeit nahm dies mit Besorgnis auf, befürchtete einen dramatischen Verlust an Meinungs- und Pressevielfalt. So gab es u. a. im April eine öffentliche Debatte im Erfurter „Café Nerly“ – vom DJV (PM) und der Friedrich-Ebert-Stiftung organisiert (Podcast – Dauer: 1:51 h). Kenner der Thüringer Medien-Szene wie der Ex-TA-Mann Falk Heunemann und auch Thüringer Parteien wie die SPD und die LINKE äußerten sich dazu.

Schlussendlich gab es für Redakteure, die über 57 Jahre alt waren, das Angebot einer Übergangsregelung, bei der sie bezahlt von der Arbeit freigestellt wurden. Das nehmen mehr als 50 an – also gut 1/5 aller Journalisten in den drei Tageszeitungen. Der Abgang solcher Routiniers reißt in jedem Unternehmen eine gewaltige Lücke. Schließlich nehmen sie auch jede Menge Detailwissen, Ortskenntnis, Überblick und Lebenserfahrung mit.

Und: Die Ü50 sind im Übrigen immer noch die treueste Leserschaft der drei Zeitungen. Eben genau jene, deren „Lebenswirklichkeit und das Lebensgefühl … noch stärker in den Fokus“ der Berichterstattung kommen sollte (Johannes M. Fischer).

Dies galt übrigens auch für die Sekretärinnen, deren Stellen vor Ort dennoch abgebaut wurden. Seither werden die Lokalredaktionen aus der MGT-Zentrale in Erfurt betreut. Für die Stellen dort konnten sich die bisherigen Sekretärinnen bewerben. Das taten nicht alle. Aber auch jene, die das taten, wurden nicht alle genommen – weil es deutlich weniger Stellen waren als zuvor.

„Provinz fängt im Kopf an“

Nun könnte man sich auch noch mokieren, dass „Provinz im Kopf“ anfängt, weil die Berichterstattung über die Politik jenseits der Grenzen des Freistaates marginal geworden ist.

Man könnte auch schlaumeiern, dass vollständige Seiten nicht in und mit Stoff aus Thüringen gefüllt, sondern von diversen Zentralredaktionen beigesteuert werden.

Trefflich ließe sich philosophieren, dass eine Regionalzeitung, wie es die „Drei Gleichen“ sind (die ja auch noch einen identischen Online-Auftritt hinlegen!), dann tatsächlich lesenswert wären, würden Auswirkungen der Ereignisse in der großen, weiten Welt auf die regionale/lokale Ebene gezeigt.

Und es wäre sicherlich keine Krümelkackerei, stünde hier nun auch noch, was die Personaldürre im Lokalen fördert: Nämlich, dass Pressemitteilungen von Kommunen, Verbänden und diversen politischen Mandats-, Funktions-, Bedenken- und sonstigen -trägern unbearbeitet, 1:1 ins Blatt gehoben werden – ohne zu kennzeichnen, dass es PR ist.

Das wohl beste aller Silly-Alben aus der Ära mit Tamara Danz war für mich „Februar“. Das kam 1989 heraus. Ein Song hatte den Refrain: „Alles wird besser, aber nichts wird gut …“

Wie zeitlos diese Zeilen sind, obwohl 28 Jahre alt.

One thought on “Neue Seitenstruktur bei TA, TLZ und OTZ

  1. Nun ist der PR-Gag des Vorjahres wohl aufgeflogen. Mehr Leute in die Lokalredaktionen, mehr relevante Inhalte für die Leser, die drei Zeitungstitel unterscheiden sich künftig deutlicher voneinander. Das klang so hoffnungsvoll. Wie das mit weniger Personal machbar sein soll, fragten sich allerdings schon damals nicht wenige Leute.
    Nun ist das Werk vollbracht. Faschingsberichterstattung in allen Facetten. Über 140 Beiträge seit 1. Februar auf der TA-Webseite. Sogar vom eigenen Engagement (nach jahrelanger Abstinenz) in der fünften Jahreszeit wird berichtet. „Was einzig fehlte, war eine politische Bütt“, beklagte der Autor. Wie auch, wenn schon die Zeitung zunehmend politikfrei wird. Ist halt ein durchgestyltes Gute-Laune-Blättchen geworden.

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