Wo der Hass regiert, braucht es gebündelte Kompetenz

Dass der Umgangston in den Kommentarspalten und sozialen Medien ein rauer ist, wissen wir nicht erst seit gestern. Beleidigungen, Verleumdungen und blinde Hetze finden hier den Raum und die Anonymität, die sie brauchen. Besonders Letztere macht es so schwer, Konter zu geben. Und wo das Ziel ein schwammiges Konstrukt aus Nebelschwaden ist, geht der Schuss leicht daneben, vor allem, wenn er in Eile und unbedacht gesetzt ist.

Ein Text von Mariana Friedrich

Das erfährt Justizminiser Heiko Maas (SPD) gerade am eigenen Leib. Ein Netzwerkdurchsetzungsgesetz wollte das Ministerium vorlegen, Hass im Netz den Kampf ansagen. Betreiber Sozialer Netzwerke sollen gezwungen werden, ihre Plattformen sauber zu halten und gesetzeswidrige Inhalte zu löschen. Unterließen sie dies, würden empfindliche Geldstrafen drohen.

Maas‘ Idee bleibt nich unwidersprochen: „Facebook und andere soziale Netzwerke dürfen nicht zum Hüter über die Meinungsfreiheit werden“, warnt Matthias Spielkamp von Reporter ohne Grenzen. „Die Meinungsfreiheit ist aus Sicht unseres Justizministers nicht mehr als ein Randthema, das lediglich einen ‚kurzen Prozess‘ vor dem Amtsgericht verdient“, schreibt Nico Härting auf CR-online.

Doch nicht das Löschverhalten ist das Problem. Oder sagen wir: nicht das hauptsächliche Problem. Das Problem ist ein Hass, der eben nicht nur in diesen Netzwerken in die Welt gebrüllt wird. Ein Hass, der aber sich aber gerade hier frei von jeglichen Konsequenzen wähnt. Der Spaß daran, mit gezielt gesetzten Provokationen anzustacheln und aus der bequemen Position am Rechner zu beobachten, wie sich andere darauf stürzen und anstacheln lassen. Und es ist unsere Unbeholfenheit, darauf zu reagieren.

Wie reagiert man auf Hass im Netz?

Wie reagiert man denn gerade als Journalist auf Trolle, die es genießen, Kleinkriege in Kommentarspalten heraufzubeschwören? Wie begegnet man jenen, die ihren Frust dort abladen, wo niemand deren Klarnamen sieht und sie Verantwortung für ihre Aussagen übernehmen müssten?

Einen Leserbrief mit wirren Behauptungen und wilden Thesen und Beschimpfungen zu füllen, bedeutet eben viel mehr Aufwand und eine große Hürde – anders als das Internet. Doch mit wilden Löschorgien werden wir hier nicht weiterkommen. Dafür braucht es gut ausgebildete Kollegen in den Online-Redaktionen, die sich auf rechtlichem Boden sicher bewegen und auf die Rückenstärkung ihres Verlages vertrauen können. Gut ausgebildete und gut bezahlte Kollegen, die einschätzen können, wann Grenzen überschritten werden, wann User gemeldet werden müssen und wann es an der Zeit ist, die Polizei einzuschalten. Die wiederum muss dann natürlich auch entsprechend ausgebildet und handlungsfähig sein. Die nötigen Gesetze, die Beleidigung und Verleumdung verbieten, haben wir längst. Und die gelten eben nicht nur außerhalb des World wide web. Kompetenz und Wissen, statt halbgarer Angstreaktionen.

Proteste unserer Nachbarn

Doch nicht nur das. Gerade beweisen britische und französiche Unternehmen eindrucksvoll, wie man Internetriesen wie Google zum Einlenken bringen kann. Weil sie ihre Werbung nicht mehr neben extremistischen Inhalten sehen wollen, haben der Guardian, Tesco, Toyota und viele mehr ihre Werbung bei YouTube und Co. kurzerhand ganz gestoppt, wie die Plattform heise berichtet. Genauso könnten wir User unsere Stimme erheben, andere melden, die sich falsch verhalten. Nicht wegschauen, wenn andere beleidigt und angegangen werden. Und wenn ein Plattformbetreiber auf Beschwerden gar nicht reagiert, vielleicht einfach nicht mehr dessen Kunde sein. Projekte wie die App Imzy treten die Konkurrenz von Facebook und Twitter an und wollen eine Newsplattform ohne Hass bieten. Ob das gelingt, bleibt abzuwarten.

Der Hass im Netz jedenfalls lässt sich nicht mit einer Hauruck-Aktion beheben. Er ist eine Herausforderung für uns alle.

Mehr zum Thema? Auf dem Landesverbandstag des DJV Thüringen  werden Hasskommentare im Netz ebenfalls eine Rolle spielen. Thüringer Kollegen diskutieren dazu mit Dirk Reinhardt vom MDR, dem Anwalt für Urheber- und Medienrecht Markus J. Wolf und Tobias Schwarz vom Netzpiloten-Magazin.

Wann: 25. März. ab 10 Uhr
Wo: Friederikenschlösschen, Bad Langensalza

 

One thought on “Wo der Hass regiert, braucht es gebündelte Kompetenz

  1. Wie man mit Hass, rechtsextremer Propaganda oder verschwörungstheoretischen Kommentaren umgehen soll, ist in den Redaktionen umstritten. Thomas Mrazek äußert sich dazu auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung: http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/240285/umgang-mit-leserkommentaren . Der DJV sieht das heute vom Bundeskabinett beschlossene Facebook-Gesetz kritisch: http://www.djv.de/startseite/profil/der-djv/pressebereich-download/pressemitteilungen/detail/article/kritik-vom-djv.html !

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