Mitgliederzuwachs beim BDZV – dennoch tariflose Verlage?

von Ralf Leifer

Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) hat 11 neue Mitglieder. Immerhin fünf davon kommen aus Thüringen: Freies Wort, Ostthüringer Zeitung (OTZ), Südthüringer Zeitung (stz), Thüringer Allgemeine (TA) und Thüringische Landeszeitung (TLZ). Da reibt sich der Branchenkenner erst einmal die Augen. Es sind jene Zeitungen, die 1995 aus der Arbeitgeberorganisation nicht nur austraten, sondern auch noch den Thüringer Zeitungsverlegerverband auflösten. Tarifbindung adieu! Immerhin gelang es dem DJV Thüringen und der damaligen IG Medien  1996 einen Haustarifvertrag für das Freie Wort abzuschließen. Ein Selbstläufer war das nicht. Da musste schon ein sechswöchiger Streik her.

2001 erstreikten sich die Kolleginnen und Kollegen der Südthüringer Zeitung nach nur vier Stunden ihren Haustarifvertrag. Heute erscheinen beide Titel in der Suhler Verlagsgesellschaft (SVG), die nun dem BDZV wieder angehört.

Warum feiert sich der BDZV?

Führte ein über zwanzigjähriger Erkenntnisprozess zur Rolle rückwärts? Wie immer, wenn gejubelt wird, ist ein gesundes Misstrauen nicht schädlich. Auf der Webseite steht:

Zum 1. Januar 2017 können der BDZV und seine Landesverbände elf neue Mitgliedstitel in ihren Reihen begrüßen.

Aha, elf neue Mitgliedstitel. Da lohnt genaueres Hinschauen. Zeitungstitel können nicht Mitglied im BDZV werden, nur Zeitungsverlage, die sich in Landesverbänden zusammengeschlossen haben oder Verlagsgruppen (§ 3 der BDZV-Satzung). Welche Verlage aber sind da über den Verband der Zeitungsverlage in Berlin und Ostdeutschland (VZBO) Mitglied im BDZV geworden.

Ohne Tarifbindung trotz Mitgliedschaft im BDZV - geht das?
Seit 1996 gibt es keine Tarifbindung mehr für die Redakteurinnen und Redakteure der TA, OTZ und TLZ.

Es ist die Mediengruppe Thüringen Verlag GmbH mit Sitz in Erfurt, die im Mitgliederverzeichnis des BDZV zu finden ist. In den Impressen von TA, OTZ und TLZ jedoch nicht. Die in den Redaktionen der drei Titel beschäftigten Kolleginnen und Kollegen sind entweder in der THR Thüringen Redaktion GmbH (Lokalredaktionen) oder in der TCS Thüringen Contents & Services GmbH (Mantelredaktion) angestellt.

In Zeiten, als die Sozialpartnerschaft von Gewerkschaften und Verlegerorganisationen existierte, gingen noch die Verlage, die Redakteurinnen und Redakteure anstellten, in die Arbeitgeberorganisation. Das Verhandeln von materiellen Arbeitsbedingungen überließen sie ihren Verbandsfunktionären und trafen sich stattdessen mit Anzeigenkunden und Honoratioren aus der Politik.

In Südthüringen existiert Tarifbindung, aber nicht überall

In Südthüringen stellt sich die Situation etwas anders dar. Neben dem Verlag, der Freies Wort und Südthüringer Zeitung herausgibt und in dem Redakteurinnen und Redakteure angestellt sind, existiert seit 2014/2015 die HCS Content GmbH. Bisher als Pauschalisten tätigen Freien bot man  dort eine Festanstellung. Volontärinnen und Volontäre werden von der in Coburg ansässigen Firma ausgebildet. Und Neueinstellungen als Ersatz für z. B. altersbedingt ausgeschiedene Kolleginnen und Kollegen erfolgen in der Regel mit Befristung in der HCS Content. Die plante man von Anfang an als tariffreie Zone. Mehr als die Anlehnung an die Tarifverträge in der Zeitungsbranche ist nicht drin.

Worin besteht dann der Vorteil einer Mitgliedschaft der Verlage im BDZV? Der  sozialpartnerschaftliche Interessenausgleich jedenfalls ist nicht oder wie im Fall der SVG nur teilweise möglich. Dabei wäre er so dringend nötig. In der THR und TCS existieren inzwischen vier verschiedene Entlohnungsbedingungen für die gleiche Arbeit. Die HCS Content entlohnt ihre Beschäftigten bis zu etwa einem Drittel unter dem Tarif.

Nun darf spekuliert werden…

One thought on “Mitgliederzuwachs beim BDZV – dennoch tariflose Verlage?

  1. Es muss nicht mehr spekuliert werden. Die Mediengruppe Thüringen und mit ihr die Suhler Verlagsgesellschaft (Freies Wort und Südthüringer Zeitung) machen mal wieder halbe Sachen. Statt einer Vollmitgliedschaft im BDZV sind sie die ohne Tarifbindung eingegangen. Das bedeutet, alle Tarifverträge, die der BDZV mit den Gewerkschaften abschließt, gelten für die Redakteure der Zeitungstitel nicht. Auch nicht der gerade verhandelte neue Ausbildungstarifvertrag, der erstmals einen Musterausbildungsplan enthält. Wer von seinen Mitarbeitern ein abgeschlossenes Hochschulstudium, Volontariat und jahrelange Berufserfahrung verlangt, muss sie auch branchenüblich bezahlen. So sieht Zukunft aus und so wird die Zeitung in der Region verankert.

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